Partizipation – wie geht denn das?

Grundsätzlich sollen alle Menschen an den sie betreffenden Entscheidungen beteiligt werden. Das muss also auch für Menschen mit Behinderung gelten. Allerdings ist dies laut dem Deutschen Institut für Menschenrechte (2021) in der Praxis noch nicht ganz so, weshalb die Monitoring-Stelle der UN-Behindertenrechtskonvention auch der Meinung ist, dass Strukturen und Strategien für eine gleichberechtigte Teilhabe weiterentwickelt werden müssen! Auch als Gruppe von Ehrenamtlichen, die Freizeiten für Menschen mit Behinderung organisieren, und als junger Verein, der mit seinen Aktivitäten auf die Förderung einer inklusiven und vielfältigen Gesellschaft abzielt (Satzung des WALTER e.V.), haben wir uns gefragt, wie wir das machen können.

Von Partizipation hatte jede*r von uns schon mal gehört und auch eine grobe Vorstellung im Kopf. Aber wie das genau funktioniert!?

Da blieb schon das eine oder andere Fragezeichen stehen! Aber ganz unverzagt beschlossen wir einfach uns dazu weiterzubilden. Allerdings war es gar nicht so leicht Expert*innen auf diesem Gebiet zu finden. Nachdem wir etliche Fortbildungsanbieter*innen angeschrieben und uns mit Kolleg*innen aus der Freizeitarbeit ausgetauscht hatten, wurde uns schnell klar, dass wir dieser Sache selbst nachgehen müssen.

Hieraus entstand der Workshop „Partizipationsmöglichkeiten während inklusiver Freizeitangebote“, der am 5.8.2021 in Josefstal stattfand. Da es bislang nicht viele Informationen dazu gibt, welche Methoden zur Beteiligung von Menschen mit geistiger Behinderung herangezogen werden können, recherchierten wir allgemein zu Partizipationsmethoden, wählten uns passend erscheinende aus, eigneten uns diese im Workshop an und testeten einige davon auf unseren Freizeiten aus.

Die Ergebnisse möchten wir nun mit euch teilen! Nehmt sie gerne als Anregung für eure Arbeit, verändert sie, entwickelt sie weiter und schreibt uns, welche Erfahrung ihr damit gemacht habt, was wie gut funktioniert oder welche Herausforderung sich dabei ergeben haben. Und über weitere Vorschläge und Ideen würden wir uns natürlich riesig freuen, denn fertig sind wir mit diesem Thema noch lange nicht!

Wie lief das Ganze ab?

Was heißt Partizipation?!

Wie funktioniert Partizipation?

Wenn es um die Entscheidung geht, welche Methode verwendet werden soll, um andere Menschen partizipieren zu lassen, steht zuvor die Überlegung an, worum es eigentlich geht: Sollen Ideen gesammelt, ein Vorschlag diskutiert, abgestimmt oder im Nachgang gemeinsam reflektiert werden? Für uns haben sich folgende Schwerpunkte ergeben:

  • Bedürfnisabfragen
  • Diskussionsmethoden
  • Abstimmungsmethoden
  • Beschwerdemanagement
  • Reflexionsmethoden

Nun möchten wir euch Methoden vorstellen, die ihr – je nach Ziel – verwenden könnt!

1. Bedürfnisabfragen

  • Wunschbaum

Der Baum wird an einem gut erreichbaren Ort aufgestellt und das Schild mit der Aufschrift „Wunschbaum“ und der Fragestellung wird angebracht. Danach wird der Baum vorgestellt, und alle werden ermutigt, möglichst viele Wünsche und Ideen zu äußern. Wichtig ist, zu erklären, was mit den Äußerungen geschehen soll, welche Auswirkungen sie haben können und wie sie weiterverarbeitet werden.

Ideensammlung für den Wunschbaum auf der Jugend-Sommer-Freizeit 2021

Der Baum bleibt circa eine Woche stehen. Während dieser Zeit schreiben oder zeichnen alle ihre Wünsche und Ideen auf und hängen sie an den Baum. Nach einer Woche werden die Wunschzettel abgeholt und ausgewertet. Nach dieser Auswertung wird über die Wunschzettel und die Konsequenzen diskutiert.

Wunschbaum der Jugend-Sommer-Freizeit 2021 zur Frage:
„Was möchtet ihr auf der Freizeit machen?“
  • Ideenlampe

Zu einem Thema werden Ideen gesammelt oder gemeinsame Ziele festgelegt. Auf ein Plakat, eine Tafel oder ähnliches wird mittig eine Glühlampe gezeichnet. Im Bauch der Glühlampe wird ein Wort/Bild, das eindeutig für das Thema steht, vermerkt. Nun haben alle Mitglieder der Gruppe die Möglichkeit ihre Ideen strahlenförmig um die Glühlampe zu schreiben oder zu malen.

  • Brainstorming

Eine Frage, zu der Vorschläge und Einfälle gesammelt werden sollten, wird auf ein großes Papier geschrieben. Dann können alle ihre Ideen dazu äußern. Diese werden auf dem Papier festgehalten.

Während des Brainstormings gelten folgende Regeln:

Jede Idee ist willkommen!

Mut zum Ungewöhnlichen!

Keine Kommentare und Bewertung während der Ideensammlung!

Es sollte darauf geachtet werden, dass jede*r zu Wort kommt. Zum Abschluss werden alle Antworten noch einmal vorgelesen. Dann können die Vorschläge weiter bearbeitet werden, wie z.B. in einer Diskussion oder durch eine Mehrpunktentscheidung.

  • Interview

In einer Gesprächssituation werden gezielt Informationen erfragt. Dabei kann zwischen verschiedenen Interviewformen unterschieden werden. Ein offenes Interview, bei dem lediglich das Thema fest steht und sich die Fragen im Laufe des Gesprächs ergeben. Oder stark vorstrukturierte Interviewformen, bei denen ein Gesprächsleitfaden genutzt oder auch die Antworten genau vorgegeben sind. Die Methode eignet sich zum Kennenlernen oder zum gezielten Abfragen von Interessen, Vorlieben und Talenten.

2. Diskussionsmethoden

  • Versammlung / Räte

Versammlungen oder Räte sind eine Sammelbezeichnung für unterschiedliche Formate, bei denen gewählte Vertreter*innen einer Gruppe an bestimmten Themen arbeiten, z.B. Werkstattrat, Schüler*innenrat, Wohngruppenbeirat. Es kann sich aber auch um eine Vollversammlung von allen Betroffenen handeln.

Beim Klassenrat handelt es sich z.B. um eine regelmäßige Versammlung aller Klassenmitglieder. Die Schülerinnen haben die Möglichkeit aktuelle Themen einzubringen. Es werden Probleme besprochen und es wird gemeinsam nach Lösungen gesucht. Vor der ersten Sitzung sollten allerdings Gesprächsregeln vereinbart werden.

Bei der Versammlung sitzen alle im Kreis. Es gibt eine*n Moderator*in. Diese*r ruft die Schüler*innen, die sich melden auf und erteilt das Wort. Nachdem alle Meinungen zu einem Thema vorgebracht worden sind, wird ein Arbeitsplan verfasst und Aufgaben verteilt oder es kann eine Abstimmung erfolgen.

  • Pro-Contra-Fishbowl

Die so genannte Fishbowl ist eine kooperative Methode, bei der Argumente entfaltet und gegenüber gestellt werden. Der Name ist auf die Sitzordnung begründet: Die Gruppe sitzt, wie vor einem Goldfischglas, in einem Außenkreis und beobachtet das Geschehen in der Kreismitte. Dort stehen bzw. sitzen sich zwei Parteien gegenüber und diskutieren ein Thema. Im Vorfeld wird eingeteilt, welche Partei die Pro- und welche die Contra-Aspekte des Diskussionsthemas vertritt. Jede Seite kann dabei von einer oder auch mehreren Personen vertreten werden. Die maximale Anzahl an Diskussionsteilnehmer*innen wird vorher festgelegt. Es ist jederzeit möglich von den Außen- in den Innenkreis zu wechseln und umgekehrt. Dazu gelten nach Schönfeld folgende Regeln:

  1. Jede*r Teilnehmer*in im Diskussionskreis darf diesen jederzeit verlassen.
  2. Wird ein*e Teilnehmer*in „abgeklopft“, kann er*sie den Gedanken beenden und verlässt dann den Diskussionskreis.
  3. Leere Plätze im Diskussionskreis können – müssen aber nicht – von jedem*r Teilnehmer*in besetzt werden.
  4. Seitengespräche sind zu vermeiden.

Die Diskussion kommt zu einem Ende, wenn eine Person im Außenkreis anmerkt, dass die Diskussion ausgeschöpft ist und keine neuen Argumente mehr gebracht werden. Auf diese Anmerkung stimmt die gesamte Gruppe darüber ab, ob die Diskussion beendet wird.

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  • Kugellager

Die Methode dient dem Meinungsaustausch in einer Gruppe. Ein vorgegebenes Thema wird mit wechselnden Partnerinnen diskutiert. Die Gruppe stellt sich in einem Innen- und einem Außenkreis auf, so dass jeder Person eine andere gegenübersteht. Deshalb ist eine gerade Teilnehmendenzahl wichtig. Auf ein Startsignal tauscht sich jede*r mit dem*der Partner*in zu dem Thema aus. Nach einer festgelegten Zeit (ca. 2-3 Minuten) rutscht der Außenkreis einen Platz weiter und die Diskussion beginnt von Neuem.

  • Tischdecke

Durch das schriftliche Sammeln von Ideen, ist eine intensive Auseinandersetzung mit einer Thematik möglich. Eine Großgruppe wird in 4er-Gruppen eingeteilt. Jede 4-er Gruppe setzt sich an einen Tisch, auf dem ein großes Papier mit fünf Feldern (s.u.) liegt. In die Mitte des Papiers wird eine Frage bzw. ein Thema notiert. Jedes Gruppenmitglied schreibt in das vor ihm*ihr liegende freie Feld zunächst erste Ideen oder auch weiterführende Fragen zur Thematik. Nach einer vorher festgelegten Zeit wird das Papier um 90° gedreht. Nun hat jede*r die Möglichkeit auf die Vorgänger*in zu reagieren. Dieser Vorgang wird mit wachsenden Zeitabständen so lange wiederholt, bis alle jedes Feld ansehen und ergänzen konnten. Die anschließende Diskussion hat das Ziel ein gemeinsames Fazit der 4er-Gruppe herauszuarbeiten. Das Gruppenfazit wird neben der Frage in der Mitte des Papiers festgehalten. Abschließend werden die Ergebnisse im Plenum vorgestellt. Die Methode kann ggf. mit neuen Gruppenzusammenstellungen so lange weitergeführt werden, bis sich ein gemeinsames Fazit der Gesamtgruppe herauskristallisiert.

3. Abstimmungsmethoden

  • Daumen rauf / runter

Der Gruppe werden Fragen gestellt, die mit ja oder nein bzw. positiv oder negativ beantwortet werden können. Die Fragen werden mit dem Handzeichen Daumen nach oben oder Daumen nach unten beantwortet. Alle Gruppenmitglieder antworten zeitgleich. Damit sich die Abstimmenden nicht gegenseitig beeinflussen, kann die Beantwortung der Fragen auch mit geschlossenen Augen durchgeführt werden.

  • Ampel

Alle Teilnehmer*innen erhalten Kärtchen in rot, gelb und grün. Abgestimmt wird durch das Hochhalten der entsprechenden Karte: Rot = Ablehnung, Gelb = Enthaltung, Grün = Zustimmung.

  • Geheime Wahl

Die Abstimmung erfolgt geheim, z. B. in einer Wahlkabine. Dabei kann die Meinung entweder selbst notiert oder auf einem vorbereiteten Wahlzettel angekreuzt werden. Um Schriftsprache zu vermeiden können natürlich auch Fotos oder Symbole für die Wahlzettel verwendet werden. Auch der Einsatz von Wahlassistenzen kann sinnvoll sein.

  • Smiley

Diese Methode ähnelt der Ampel. Zur Abstimmung werden statt der Farben die Symbole lachender, neutraler und trauriger Smiley benutzt. 🙂 :-I 🙁

Bei der Jugend-Sommer-Freizeit 2021 wurde zusammen entschieden!

4. Beschwerdemanagement

  • Beschwerdewand

Auf der Beschwerdewand (Packpapier oder Tapetenrolle) können Bilder angeheftet, aber Anliegen auch direkt niedergeschrieben werden. Auf der Wand sind die Beschwerden für alle gut sichtbar und können zeitnah aufgegriffen werden.

  • Problem-Ursachen-Fisch

Bei dieser Methode wird ein Problem auf seine Ursache hin untersucht. Die Skizze eines Fischs mit Gräten wird auf ein Plakat, eine Tafel, etc. gezeichnet. In den Kopf des Fischs wird ein, die Gruppe betreffendes, Problem notiert. Auf den Gräten werden mögliche Ursachen und Folgen des Problems gesammelt. Anschließend werden die Ergebnisse besprochen. Das Ausfüllen des Fischs kann gemeinsam in der Gruppe oder auch einzeln erfolgen. Für Gruppenmitglieder, die nicht über Schriftsprache verfügen, können auch Bilder und/oder Piktogramme genutzt werden.

  • Beschwerderunde

Eine weitere Methode, um Beschwerden zu ermöglichen, ist im regelmäßig stattfindenden Morgenkreis / Abendrunde dies als festen Punkt einzubauen. Wenn immer wieder danach gefragt wird, wird es schon bald Meldungen auf die folgenden möglichen Fragen geben:

Möchte sich jemand über etwas beschweren?

Gibt es etwas, das euch stört?

Möchte jemand etwas mit der Gruppe besprechen?

  • Briefkasten

Zunächst muss ein Briefkasten gebaut oder angeschafft werden. Dieser kann dann beschriftet werden: Beschwerdekasten / Meckerbox / Wunschkasten

In der Folge sollten diese Fragen geklärt werden:

Wofür ist der Kasten da?

Wer kann ihn nutzen?

Wann oder wie oft wird er geleert und von wem?

Was passiert mit den Zetteln?

Nun können also Briefe oder gemalte Bilder eingeworfen werden. Wichtig ist, dass der Inhalt regelmäßig ausgewertet und der Gruppe hierzu eine Rückmeldung gegeben werden sollte! Ein Vorteil diese Methode liegt darin, dass Beschwerden anonym eingereicht werden können und auch zurückhaltendere Personen ihre Anliegen einbringen können.

5. Reflexionsmethoden

  • Standpunkt wählen

In einem Raum werden Antwortmöglichkeiten zu einer konkreten Fragestellung als Symbol oder Wortkarte verteilt. Die Teilnehmer*innen entscheiden sich, welche Antwortmöglichkeit am besten zu ihnen passt und ordnen sich dem entsprechenden Symbol/Wort räumlich zu. Auch gut als Kennenlernspiel geeignet.

Beispiel: Frage: Was isst du lieber? Antwortmöglichkeiten: Pizza oder Spaghetti / Frage: Wie hat dir der Ausflug heute gefallen? Antwortmöglichkeiten: Gut, mittel, oder schlecht

  • Feedbackbogen

Feedbackbögen werden in der Regel zur Zufriedenheitsabfrage am Ende eines Angebotes, sei es nun im Dienstleistungs-, Bildungs- oder Freizeitsektor, genutzt. Ziel ist es die Qualität des Angebots aufrechtzuerhalten oder ggf. zukünftig zu verbessern. Die Gestaltung der Bögen kann dabei, je nach Rezipient*innen, sehr unterschiedlich und individuell ausfallen, Schriftsprache, Bildsymbole oder Skalen verwenden, Multiple-Choice oder offene Antwortmöglichkeiten anbieten.

  • Zielscheibe

Das Feedback kann bei dieser Methode ohne viele Worte abgegeben werden. Zu einem Thema werden vier Teilaspekte ausgewählt, die bewertet werden sollen.

Ein Plakat etc. wird in vier Felder aufgeteilt. In jedes Feld wird einer der ausgewählten Teilaspekte notiert und in die Mitte eine Zielscheibe gezeichnet (s.u.). Alle Teilnehmer*innen können nun ihr Feedback geben, indem sie sich mittels Kreuz oder Klebepunkt auf der Zielscheibe positionieren. Der rote Punkt in der Mitte entspricht dabei, je nach Fragestellung, der positiven Bewertung bzw. vollen Zustimmung.

Was hat’s gebracht?

Und wie geht es weiter?

Wir möchten auf unseren Veranstaltungen verschiedene Methoden ausprobieren und Bilder und Erfahrungen gerne hier auf unserer Webseite ergänzen. Daher freuen wir uns, wenn ihr uns auch eure Erfahrungen zukommen lasst! 🙂

Einfach eine Mail an die Autorinnen des Beitrags schicken:

Mareike – m.hoffmann [at] walter-ev.de

Mirjam – m. christ [at] walter-ev.de

Literaturangaben

Deutsches Institut für Menschenrechte (2021). Rechte von Menschen mit Behinderungen. Partizipation. Verfügbar unter https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/themen/rechte-von-menschen-mit-behinderungen/partizipation [24.12.2021].

Hagemann, Christine (2022). Beschwerdemanagement für die Kita: Vom dekonstruktiven Motzen zum konstruktiven Gespräch. Verfügbar unter https://www.backwinkel.de/blog/beschwerdemanagement-kita/ [25.02.2022].

Kinderbeteiligung Stuttgart (o. J.). Kinderbeteiligung leicht gemacht! Ausgewählte Methoden für viele Gelegenheiten. Verfügbar unter http://www.kinderbeteiligung-stuttgart.de/files/methodenkinderbeteiligung.pdf [24.12.2021].

Schönfeld, Jan (2011). Methodenkiste. 50 fächerübergreifende Unterrichtsmethoden. Bad Honnef: Lehrerselbstverlag.

Universität Oldenburg (2022). Methodenkartei. Unterrichtsmethoden von A bis Z. Klassenrat. Verfügbar unter https://www.methodenkartei.uni-oldenburg.de/methode/klassenrat/ [13.03.2022].